„The Ferryman“ von Jez Butterworth – ein hochpolitisches Stück vor dem Hintergrund des Nordirlandkonfliktes
Zehn Jahre nachdem Seamus Carney auf mysteriöse Weise einfach verschwunden ist, taucht seine Leiche auf. Mit einem Genickschuss getötet und verscharrt – und deshalb auch nicht vom Ferryman würdevoll über den Fluss ins Jenseits befördert. Was ist damals passiert? Wer hat etwas zu verbergen? Der Pfarrer (Nele Schaaf), dem es auch um seine Schwester geht, Caitlin Carney, die Frau des Gefundenen, die nicht möchte, dass man von seinem Auftauchen erfährt oder die IRA-Truppe, die wahrscheinlich für sein Verschwinden verantwortlich ist?
Das Hochpolitische des Nordirland-Konflikts kommt in der Aufführung erst nach und nach zum Vorschein und verbirgt sich zu Anfang geschickt hinter einer dynamischen und mitreißenden Familiengeschichte: Ein wilder Haufen von sechs Kindern (Kompliment an alle Darsteller*innen!) feindet sich an und herzt sich gleich darauf wieder, die demente Großtante (Polina Olinska) erzählt in hellen Momenten herzzerreißend von ihrer unerfüllten Liebe und ihr Bruder (Henry Brandes) erinnert salpstickreif unaufhörlich an das stattfindende Erntefest. Und dann ist auch noch die Gans verschwunden…
trailer material: Matthias Ahrens, Jan Gosiewski, Ilka Springmann
Alles dies findet statt auf einer recht authentischen Bühne mit Kostümen, die das Publikum mitnehmen ins Irland der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Zum echten Irland-Feeling tragen auch passende Lieder – hervorragend gespielt von der bereits bekannten Band – bei. Unterstützend sowohl zum Gesamteindruck als auch für das Verständnis der Handlung tragen diesmal wieder gut eingefügte Film- und Fotoaufnahmen im Hintergrund bei.
Emotional mitreißend ist die Liebesgeschichte zwischen dem vielfachen Familienvater Quinn (Eduard Fischer) und seiner Schwägerin Caitlin (Miriam Frank), die sich vor den Augen seiner immer schwangeren und kränklichen Ehefrau Mary (Antonia Grieser) abspielt.
Nach der Pause rückt der politische Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten mehr in den Vordergrund und es wird deutlich, welche Wunden die immerwährende Gewalt bei einzelnen Figuren hinterlässt. Dies zeigt sich am im Gefängnis gefolterten Anführer der IRA Muldoon (Matthew Pogrebnyak) und seinen zwei Handlangern (Ida Hauser, Melina Sterkas), die brutal vorgehen, am englandhassenden Sohn des Verschwundenen (Bela Altdörfer), der eigentlich weiß, dass die IRA für das Verschwinden verantwortlich ist und auch an dem zwielichtigen 16-Jährigen Shane (Edgar Kunkel), der überzeugt gemeinsame Sache mit der IRA macht.
Das Stück endet tragisch, denn eine Kugel aus einem englischen Revolver trifft den jugendlichen Sohn der Witwe. Der Ferryman (Henry Gossmann) nimmt ihn in einer dramatisch inszenierten Abschlussszene mit, doch das ist ein schwacher Trost für die verzweifelte Mutter: Der Konflikt und die mit ihm in Zusammenhang stehende Gewalt greifen tief in das Leben der Menschen ein und überschatten alles. Vor dem Hintergrund immer neuer weltweiter Konflikte und Kriege bleibt diese Botschaft stehen und hinterlässt Spuren bei den Zuschauern.
Wie auch in den letzten Jahren zeigt sich erneut, dass die English Drama Group unter der Leitung von Ilka Springmann zu herausragender Leitung fähig ist. Der Teamgeist und die Freude am Spiel sind jederzeit für das Publikum erfahrbar und scheitern selbst an schwierigen Themen nicht. Für die Zuschauer wird der Abend so zu einem unterhaltsamen, aber niemals oberflächlichen Erlebnis.
Text: Michaela Worm
Trailer: Matthias Ahrens, Jan Gosiewski, Ilka Springmann
Fotos: Aaron Höppner, Laurin Marek, Feentje Harnisch



























