Segeltörn 2020 – ein Drama in 5 (+2) Akten

Allgemein
23. September 2020

Der diesjährige Segeltörn war in vielerlei Hinsicht anders. Durch die Corona-Pandemie mussten jegliche Schulfahrten ausfallen – worunter auch der reguläre Ausbildungstörn für alle aktiven Schüler (und Lehrer) fiel. Was für viele sehr schade war, war für einige Ehemalige der Goetheschule eine willkommene Gelegenheit, die frei gewordenen Schiffe zum Teil selbst zu chartern und dieses Jahr auf die Ostsee zu fahren.
Auch die Ziele unterschieden sich von vorherigen Fahrten – dazu später mehr. Während des Törns wurden die 16 Mitsegler, zum großen Teil ehemalige Mitglieder der Segel-AG der Goetheschule, auf zwei Boote aufgeteilt: die Saturn (Rufname Götz) und die Ulysses (Rufname Clavigo). Während des Törns wurde die Namensherkunft „Clavigo“ (ein Trauerspiel von Goethe in fünf Akten) immer wieder thematisiert. Deshalb wird der Reisebericht auch in fünf Akte aufgeteilt.

Prolog: Anreise am Freitag, 11.09.2020
Drei von vier Autos traten die lange Reise nach Heiligenhafen schon am Freitagabend ausgehend vom Supermarktparkplatz Am Fuhrenkampe an. Während die Skipper und ein weiteres Auto die Ostsee noch vor der Übergabezeit der Boote um 22 Uhr erreichten, steckte das letzte Auto – das auch zufällig das gesamte Gepäck und Essen transportierte – fünf Stunden in einer Vollsperrung auf der A7 fest.
In der freien Zeit wurden die Boote inspiziert, Karten gespielt und schon erste Routenvorschläge für die kommenden Tage besprochen.
Nachdem der Wagen mit dem Anhänger gegen zwei Uhr morgens endlich angekommen war, wurde alles verstaut. Als dann endlich geschlafen werden konnte, wollte keiner mehr wissen, wie spät es geworden war – vor allem mit der Aussicht, am Folgetag gegen acht Uhr aufstehen zu müssen…

Erster Akt: Heiligenhafen – Gedser am 12.09.2020

Nach der kurzen Nacht folgte ein langer Morgen, an dem letzte Lebensmittel eingekauft wurden, die Bootsübergaben stattfanden und das vierte Auto aus Hannover eintraf. Gegen Mittag verließen beide Boote den Heimathafen, um Kurs auf Gedser zu nehmen, den südlichsten Punkt Skandinaviens auf der dänischen Insel Falster. Gedser bot sich gut als Absprungspunkt an, da für die nächsten Tage Schläge in den Norden geplant waren. Mit bis zu sechs Windstärken raumen Windes pustete es uns durch den Fehmarn Sund und die Lübecker Bucht, sodass selbst die zweite Crew im Hafen, Clavigo, noch vor Sonnenuntergang einlief. Die größere Segelfläche und das vergleichsweise geringere Gewicht der Saturn verschafften Götz schon am ersten Tag einen deutlichen Vorsprung. Die achterliche Welle ließ manche erste Erfahrungen mit Seekrankheit machen, doch es ließ sich über Deck aushalten.

Neben einem kleinen Schaden am Deckslicht auf der Ulysses verliefen die Halsen einwandfrei. Schnell merkten wir, dass die Kenntnisse sämtlicher Mitsegler sehr gut waren und so weniger Zeit für die Ausbildung und mehr Zeit für den Trimm und den Feinschliff genutzt werden konnte. Bei milden Temperaturen ließ sich der Abend in Gedser gut an Deck ausklingen. Es ging früh ins Bett, der Vortag hatte müde gemacht, und auch die Vorhaben für den nächsten Tag verlangten eine gut ausgeschlafene Crew.

Zweiter Akt: Gedser – Kopenhagen am 13. und 14.09.

Endlich einmal auf Segeltörn ausschlafen! Geplant für den Tag war es, gegen 15:30 Uhr auszulaufen und anschließend durch die Nacht in die dänische Hauptstadt zu segeln. Nach einem entspannten Frühstück schauten sich Teile der Crews Gedser und Umgebung an, letzte Lebensmittel wurden nachgekauft und der Strand besucht, an dem Kitesurfer den immer noch frischen Wind nutzten. Andere Segler planten schon die anspruchsvollere Navigation für die Nachtfahrt. Neben den üblichen Kursen, die optimalerweise vor dem Auslaufen abgesteckt werden, galt es nun, auch Leuchtfeuer zu markieren. Hier unterschieden sich die Mentalitäten beider Crews ein wenig: Während Clavigo die Navigation auf dem Laptop, aber auch mit Papierkarten geplant hatte, wurde bei Götz vorher nur ein grober Kurs abgesteckt. Trotz der unterschiedlichen Methoden kamen beide Crews immer zum Ziel.
Bezogen auf die bevorstehende Nachtfahrt reizte uns alle, Erfahrungen mit abwechselnden Wachen zu machen, wie es auch auf längeren Törns üblich ist. Als wir nach einem Mittagessen im Hafen (welch eine ungewöhnliche Vorstellung für einen Segeltörn) ausliefen, waren wir schon gespannt, was die Nacht so bringen mochte. Der Wind hatte etwas abgeflaut, sodass wir auf noch immer raumem Wind die Gennaker setzen konnten. Auch hier düste Götz auf der Saturn davon.
Gegen Sonnenuntergang wurden die Gennaker geborgen. Etwa eine Stunde später, zwischen 21 und 22 Uhr, verabschiedete sich ein Teil der Crew und versuchte, zu schlafen – mehr oder minder erfolgreich. Die restliche Hälfte navigierte das Schiff an den Kreidefelsen von Møn vorbei bis fast auf die Höhe des Leuchtfeuers Stevns auf Seeland. In der vier- bis fünfstündigen Wache ließ sich am klaren Himmel die Milchstraße erkennen. Manche Segler sahen zum ersten Mal in ihrem Leben Sternschnuppen und in der Heckwelle konnte man – bei genauerem Hinsehen – fluoreszierende Algen beobachten. Besagte Kreidefelsen waren im Licht des Leuchtfeuers bei Klintholm schemenhaft zu erahnen. Jegliche Versuche, diese nächtlichen Beobachtungen zu fotografieren, schlugen fehl.
Die Crew unter Deck hatte inzwischen nicht so viel Glück: dank des ruppigen Halbwindkurses, der uns über acht Knoten Fahrt bescherte, konnte kaum jemand schlafen. Bei Götz nutzten auch einige die Gelegenheit, die ganze Nacht an Deck zu bleiben. Dort musste gerefft werden, Clavigo hingegen fuhr unter Vollzeug. Dank des Doppelruders der Ulysses war der Ruderdruck nicht nennenswert und auch die Krängung noch aushaltbar.
Nach dem Schichtwechsel war der Himmel leider zugezogen und der Sonnenaufgang eher unspektakulär. Trotzdem war die Erfahrung, mitten in der Nacht zu segeln, auch in der zweiten Wache sehr beeindruckend. Als der Motor im Tonnenweg auf Höhe der Øresundbrücke eingeschaltet wurde, erwachten auch die meisten Crewmitglieder der ersten Schicht wieder.
Durch das Segeln unter Vollzeug hatte Clavigo aufholen können. Götz, die vor Anbruch der Nacht hinter dem Horizont verschwunden war, tauchte nun einige hundert Meter vor Clavigo auf.
Auf dem Weg in den Nyhavn in Kopenhagen passierten wir unter anderem die neue Müllverbrennungsanlage mit Skipiste auf dem Dach, den Kopenhagener Flughafen, die kleine Meerjungfrau und einen dänischen Marinestützpunkt. An letzterem waren beim Vorbeifahren von Clavigo Kanonenfeuer zu hören. Waren das Salut-Schüsse für unseren Bundeswehr-soldaten an Bord?

Unbeschadet legten beide Boote mitten im Stadtzentrum an der Mole an. Für manche fühlte es sich wie 17 Uhr nachmittags an, dabei war es erst kurz vor neun. Nach einem Frühstück an Deck ging es auf die Odyssee der Sanitäranlagensuche. Letztendlich ließen sich die Toiletten nach mehreren Nachfragen und endlosen Hausumrundungen rund einen Kilometer vom Nyhavn entfernt in einer Tiefgarage unterhalb eines anderen Hafenbeckens finden. Für die fehlende Ausschilderung zog unser professioneller Google-Bewerter Florian dem Hafen einen Stern ab. Die restlichen 4/5 Sterne verdiente der Hafen allemal; zur kleinen Meerjungfrau war es eine Viertelstunde Gehweg, für die restlichen Sehenswürdigkeiten musste man sich kaum vom Liegeplatz entfernen. Da Clavigo noch ein Problem mit der Gasanlage und leeren Gasflaschen hatte und einige Segler ein wenig Schlaf nachholen wollten, ging es allerdings erst gegen Mittag in die Innenstadt auf Sightseeingtour.
Neben Christiansborg besuchten wir auch die Freistadt Christiania, welche von den dänischen Behörden als eigene autonome Gemeinde anerkannt wird.
Am Abend wurde Karten gespielt und das Nachtleben in Kopenhagen erkundet. Der zweite Akt schien kein Ende nehmen zu wollen, und die mehr oder weniger durchgemachte Nacht steckte allen noch in den Knochen. Am nächsten Tag wollten wir endlich einmal schwedischen Boden betreten – ein Novum für die Segel-AG – aber der Wind schien immer weniger zu werden…

Dritter Akt: Kopenhagen – Falsterbokanal Höllviken am 15.09.

Flaute! So schien es zumindest im Stadthafen von Kopenhagen. Wir motorten auf demselben Weg aus Kopenhagen heraus, den wir am Morgen zuvor hineingenommen hatten. Anschließend lohnte es sich nicht, die Segel zu setzen. Daher fuhren wir westlich des Tonnenwegs vor der Einfahrt nach Kopenhagen unter Motor weiter. Es ließen sich viele große Schiffe beobachten und auch das ein oder andere Flugzeug steuerte direkt über unseren Masten den Kopenhagener Flughafen an. Das ruhige, sonnige Wetter lud dazu ein, sich auf dem Vorschiff zu sonnen. Am Horizont war die spiegelglatte Wasseroberfläche kaum vom Himmel zu unterscheiden.

Wir nahmen Kurs auf Skanör, das auf der Halbinsel Falsterbo in einem der südlichsten Zipfel Schwedens liegt. Kurz nach der Passage des Tonnenwegs vor Kopenhagen frischte der Wind ein wenig auf. Wir segelten ein paar Meilen bei zwei Windstärken.
Den Hafen und Strand von Skanör im Blick legte sich Götz vor Anker. Heck an Bug legte Clavigo (mittlerweile das ewige zweite Boot) im Päckchen an Götz an. Die Badeplattformen wurden ausgeklappt und alle nutzten die Gelegenheit, ins schwedische Gewässer zu springen. Die eisige Temperatur und der aufgefrischte Wind sorgten dafür, dass es für die meisten ein kurzes Vergnügen blieb. Doch mit einem am Spifall angebrachten Fender konnten beide Crews sich von den Booten ins Wasser schwingen und so den kurzen Badeaufenthalten noch einen kleinen Kick geben.
Bei Musik aus den eingebauten Deckslautsprechern genossen wir die Nachmittagssonne und lichteten gegen sechs Uhr abends den Anker, um nach Skanör einzufahren. Leider bot der Hafen keine Liegeplätze, die für unsere 37,9 und 38 Fuß Yachten breit genug gewesen wären. Daher mussten wir noch zehn Seemeilen weiter in den benachbarten Hafen „Falsterbokanal Höllviken“ fahren. Dieser liegt an der nördlichen Einfährt eines Kanals, der Falsterbo vom schwedischen Festland trennt. Als wir anlegten, war es schon dunkel. Das war also der zweite Sonnenuntergang auf See gewesen…

Vierter Akt: Falsterbokanal Höllviken – Hesnæs am 16.09.

Irgendwie gefiel allen die Vorstellung, nun den Falsterbokanal zu durchfahren. Dafür mussten wir um 10 Uhr eine Klappbrücke passieren. Schon um acht Uhr zogen vier Abgesandte beider Crews los, um 45 Liter Trinkwasser und einige Kleinigkeiten zu kaufen. Während Götz noch am Aufstehen war, plante Clavigo, nun endlich einmal Götz abhängen zu wollen. In heimlicher Mission wurde kurz vor dem Ablegen der Gennaker zum Setzen vorbereitet. Zwar legte Götz – das Frühstück nur teilweise beendet – vor Clavigo ab, doch konnte Clavigo sich direkt vor der Klappbrücke platzieren. Im letzten Moment fuhr jedoch eine schwedische Motoryacht beinahe auf Kollisionskurs an beiden Segelbooten vorbei und drängelte sich als erstes in den Kanal.
Nach der Duchfahrt zog Götz vor Clavigo die Segel hoch. Allerdings setzte Clavigo – mehr aus Zufall – sowohl Groß als auch Gennaker wenige Minuten später gleichzeitig. Zum ersten Mal in der Woche konnte Clavigo – nachdem das letzte bisschen Wind mit gereffter Fock genutzt wurde – dem anderen Boot unter drei Segeln davonsegeln.

Vor der Insel Møn, deren Kreidefelsen wir nun bei Tag bestaunen konnten, flaute der Wind plötzlich ab. Doch der Schein trog, denn kurze Zeit später nahm der Wind so stark zu, dass die Ulysses zum ersten Mal aus dem Ruder lief. In einem waghalsigen Manöver, den Gennaker auf Amwindkurs durchzusetzen, sprich ihn ein wenig höher zu ziehen, riss das Spifall beinahe. Gerade so konnte der Gennaker unbeschadet geborgen werden. Größerer Schaden blieb zum Glück aus.
Anschließend segelte Götz Clavigo wieder einmal davon und konnte deutlich mehr Höhe laufen. Kurz vor Hesnæs musste Clavigo dann auch noch mit einem ungünstigen Wendewinkel kreuzen. Es folgte der dritte Sonnenuntergang auf See und ein Einlaufen bei Dunkelheit.

Fünfter Akt: Hesnæs – Burgtiefe am 17.09.

Die Nacht hatte eine Überraschung gebracht: die Wasserhöhe war um etwa einen Meter gestiegen. Während der Ausstieg über das Heck der Ulysses für Clavigo immer noch problemlos möglich war, hing der Bug der Saturn nun noch höher über dem Steg.
Ansonsten nahmen wir von Hesnæs unzählige Spinnen mit an Bord – zum Glück hatte keiner eine Phobie.
Der abgeflaute Wind und die weite Strecke ließen es nach einem Vorwindkurs bis Gedser leider erst kurz vor Fehmarn zu, wieder zu segeln. Während des Motorens fuhren beide Boote nebeneinander her. Der Bordlautsprecher und die Musik auf der Ulysses regte einige dazu an, über das Motto „Götz holt uns ein“ einen Freestyle-Rap zu komponieren. Die Zeit verging schnell, und auch an diesem Tag konnte sich auf dem Vordeck gut gesonnt werden. Da die Woche sich dem Ende neigte, gab es für Götz nun Zwangsjoghurt und -orangenlimonade.
Wir merkten auch schnell, dass wir zurück in deutschen Hoheitsgewässern waren: der Handyempfang war abrupt verschwunden. In feierlicher Zeremonie wurden die Gastlandflaggen geborgen.

Das Segeln vor Fehmarn kostete uns dann einige Zeit, sodass wir den vierten und letzten Sonnenuntergang auf See erleben durften. Die Einfahrt nach Burgtiefe war ein wenig abenteuerlich, da der Tonnenweg nur reflektierende unbeleuchtete Tonnen aufwies und Leitfeuer nur in Teilen des Tonnenwegs nützlich waren. Das Anlegen verlief trotzdem reibungslos und wieder einmal konnte man merken, dass wir erfahrene Segler dabeihatten und dass auch das Teamwork nach der vergangenen Woche super klappte.

Epilog: Burgtiefe – Heiligenhafen und Heimfahrt am 18.09.

„This is the final countdown“ hörte Clavigo zum Ablegen. Eine weitere Woche auf der Ostsee – das hätten sich wohl alle gut vorstellen können. Wir motorten nach erfolglosen Segelversuchen über den Fehmarn Sund nach Heiligenhafen. Kurz vor der Untiefentonne Heiligenhafen Ost wurden sogar noch Schweinswale gesichtet.
Bootsputz, letztes Kochen, Packen, Logbuch abschreiben – alles verlief im Akkord und die eingespielten Crews zeigten ein letztes Mal gutes Teamwork.
Gegen 17 Uhr nach dem obligatorischen Eis und Fischbrötchen ging es auf die Heimreise.
Und wie bei jedem guten Drama klammern Prolog und Epilog die Handlung ein: besagtes Auto, das auf der Hinfahrt fünf Stunden in der Vollsperrung gestanden hatte, stand einen Kilometer vor der Abfahrt Herrenhausen auf der A2 im Stau. Diesmal zum Glück nur für eine halbe Stunde.
Für dieses Jahr Over and Out!

Clavigo im Einsatz auf einem fremden Schiff

Götz (leider ohne Felix) mit dem selbstgewählten Markenzeichen, den Vokuhilas

Danksagung
Vielen Dank an dieser Stelle an unsere Skipper Jan Peter Niestroj und Jakob Wetekam, die die bestehenden Charterverträge der geplanten Schulfreizeit „übernommen“ haben und dadurch uns allen diesen erinnerungswürdigen Törn verschafft haben. Und auch vielen Dank an Benjamin Marx, der sich als Schatzmeister eingebracht hat.

Ankündigungen

Informationen zum Coronavirus:
Hier erhalten Sie aktuelle Informationen und Briefe aus der Goetheschule. Die Niedersächsische Landesschulbehörde stellt auf ihrer Website ebenfalls Informationen bereit. Bitte beachten Sie die Hygieneempfehlungen zur Vorbeugung.

Nächste Termine