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„Es ist viel möglich. Der Mensch!“

 

Die Theater-AG führt in einer berauschenden Premiere Georg Büchners Dramenfragment WOYZECK in einer Inszenierung von Holger Warnecke auf

In Büchners Stück von 1836 begegnet dem Zuschauer ein Panoptikum dessen, was einen Menschen an den Abgrund treiben kann. Und wie sagt Woyzeck hellsichtig: „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ Die Abgründe, in die Franz Woyzeck hinabsieht und die ihn mehr als schwindelig werden lassen, sind der Doktor, der Hauptmann, Marie - Woyzecks Frau in "wilder Ehe" - und der Tambourmajor.

 

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Die Inszenierung beginnt mit einer traumhaften Tanzeinlage zu bezaubernder Klaviermusik (Michael Kasay) des Belgiers Yann Tiersen. Marie (Sarah Knop) tanzt und tanzt und landet schließlich in den Armen ihres Franz Woyzeck (Alexander Haas), der sie buchstäblich auf den Händen trägt. Eine Idylle? Mitnichten!

 

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Schon bald sieht man Woyzeck und seinen Freund Andres draußen auf dem Feld, und die Atmosphäre kippt ins Unheimliche. Es ist zwar ein überraschend vitaler Franz Woyzeck, der da von Alexander Haas verkörpert wird. Die Figur des gepeinigten Soldaten, der allzeit gehetzt wirkt, kommt breitschultrig und muskulös daher. Alexander schafft es aber trotz seiner beeindruckenden Physis, das Opfer Woyzeck darzustellen, das Stimmen hört, das seelisch an der Welt, an den Menschen, die mächtiger als Woyzeck sind, innerlich zugrunde geht.

Woyzeck wird in die Zange genommen von zwei ihm gesellschaftlich Überlegenen: Auf der einen Seite ist da sein scheinbar menschenfreundlicher, in Wirklichkeit aber selbstverliebter Hauptmann (Michael Kasay), der sich ganz offensichtlich einen Jux daraus macht, Woyzeck im Gespräch an der Nase herumzuführen und als Deppen darzustellen. Der einfache Soldat Woyzeck hat nicht viel entgegenzusetzen, läuft er doch nach den Worten seines Hauptmanns schon jetzt „wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt, man schneidet sich an ihm.“ Was Woyzeck durch das eigene Leben hetzt, ist nicht zuletzt der Broterwerb, der ihn – um sich ein kleines Zubrot zu verdienen - in die Hände des Doktors (Joana Da Silva) getrieben hat, welcher Woyzeck in einem menschverachtenden Menschenversuch seit einem Vierteljahr nur Erbsen essen lässt. Woyzeck ist für ihn nur ein „Kausus“, der sich gut den Studenten vorführen lässt.

 

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Franz Woyzeck setzt sich all dem aus, um Marie und seine unehelichen Kinder ein bisschen mehr Geld nach Hause zu bringen. Für viel reicht es trotzdem nicht. Seine Familie aber ist sein letzter Halt, und als er herausfindet, dass Marie, „schön wie die Sünde“, ein Auge auf den schicken Tambourmajor (Levent Akkus) geworfen hat, fällt Woyzeck in den Abgrund. Der Demütigung im direkten Zweikampf mit dem Tambourmajor folgt der Eifersuchtsmord an Marie. Und nun wird Woyzeck nicht nur von den Menschen um ihn gehetzt, sondern auch von dem schlechten Gewissen in ihm.

 

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Regisseur Holger Warnecke ist auch in dieser an Bildern reichen Inszenierung seiner Linie der Reduktion und symbolischen Verdichtung treu geblieben und hat die Bühne sparsam ausstaffiert. Ein paar Kästen und 15 Koffer erweisen sich als einfache, aber variable Requisiten. Gleichzeitig hat sich der Regisseur aber auch neu erfunden, indem er ein scheinbar sprödes Stück in einer Mischung aus Schauspiel, Musik und Tanz mit 15 Nachwuchsschauspielern aus 10 Nationen in knapp 30 Rollen zum Leben erweckt. Das sind aber nur abstrakte Zahlen, die vor den konkreten Leistungen aller Beteiligten verblassen. Der Theaterpädagoge lässt die vielen Spieler wie in einer großen Improvisation wirbelnd aufeinandertreffen. Ihm gelingt ein ganz ungewöhnlicher Theater-Tanz, der geschickt die scheinbar widersprüchlichen Voraussetzungen und Stärken der Beteiligten aufgreift und so das kreative Potenzial der Goetheschule voll ausschöpft. Zartes und Hartes, Leises und Lautes beflügeln sich hier in einem multikulturellen Zusammenspiel. Alle Spieler sind ständig auf der Bühne, und zusammen erzeugen diese eine Dynamik, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Die Kampfszenen, Rap- und Instrumentaleinlagen tun ein Übriges um einen kurzweiligen Theaterabend zu garantieren.

 

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Alles überragend sind die schauspielerischen Leistungen. Alexander Haas spielt einen zwar kraftvollen, aber innerlich sichtlich zerrissenen Woyzeck. Im einen Moment himmelt er strahlend seine Marie an, im nächsten greift er schreiend Unbeteiligte an und lässt die zerstörerischen Kräfte erahnen, die in ihm längst köcheln. Sarah Knop gibt Marie ein menschliches Gesicht: eine zerbrechliche Frau, die hin und her gerissen ist und am Ende der Versuchung doch nicht widerstehen kann. Diese Versuchung wird verkörpert von Levent Akkus, der uns grandios einen gockelhaften, eitel stolzierenden Tambourmajor vorführt, dem die Frauen zu Füßen liegen. Michael Kasay gibt den Hauptmann mit einem überzeugenden Schuss Sadismus und Arroganz, und Joana Da Silva überzeugt in der wunderbar schrill-diabolischen Darstellung des Doktors. Aber auch in der Leistung aller anderen Nachwuchsmimen ist die harte Arbeit von über 40 Probenterminen und weit über 200 Probenstunden zu erkennen. Choreographie und Timing stimmen, der Text „sitzt“ und das Premierenpublikum applaudiert der Teamarbeit nicht weniger als den Einzelleistungen.

 

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Alles und alle zusammen ergeben eine wunderbar frische, gleichzeitig aber erstaunlich texttreue Inszenierung dieses Dramenklassikers auf hohem Niveau. Die Nöte eines armen, geistig verwirrten Soldaten des vorletzten Jahrhunderts, die Büchner in seinem Stück - fast psychologisch - seziert, scheinen eine fremde Welt zu sein. Diese ganz moderne Inszenierung zeigt uns, dass es im Grunde aber doch darum geht, was auch heute noch einen Menschen an den Abgrund bringt.  „Es ist viel möglich. Der Mensch.“

Text, Bilder: Kai Kämmerer

 

Viele weitere Bilder der Aufführung finden sich im Web-Album des Fotografen Alexander Kostowetzky.

Informationen zu weiteren Aufführungsterminen, Tickets etc. unter W O Y Z E C K !