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Lieblingsmenschen - die Premierenrezension

„Ihr langweilt mich alle zu Tode.“ - American Psycho in Laura de Wecks LIEBLINGSMENSCHEN

von Holger Warnecke und seiner Schauspieltruppe mit hoher Intensität auf die Bühne gebracht

(Premiere am 22.11., weitere Aufführungen: 23., 24., 28., 29. und 30.11.2013, jeweils 19.30)

Die Spielstätte reduziert. Kleinste Fläche, kleinster Raum. Der Vorhang geschlossen und mit bräunlichem Packpapier behängt. Darauf werden Videosequenzen projiziert, die das gespielte Geschehen kommentieren. Wir kennen das von sportlichen, musikalischen und politischen Großveranstaltungen. Das Auge wird so von einer ersten auf eine zweite Ebene künstlicher Wirklichkeit gelenkt. Hier ist die Spielstätte jedoch keine offene Arena, sondern ein Kampfplatz en miniature, ein kleiner Fight-Club.

 

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Der Requisiten bedarf’s nicht viel. Warnecke ist ein Meister im Reduzieren. Unter Stuhlreihen, die den Spielraum begrenzen und auf denen die Akteure sitzen, falls sie sich nicht gerade im Einsatz befinden, hat‘s kleine Plastikboxen, die als minimalisierte Curiosity Shops dienen. Ihnen entnehmen die Schauspieler diverse Dinge, die sie zur Inszenierung ihres jeweiligen Kampfauftritts benötigen: Indianerschmuck, komische Hüte, Schminkutensilien, Wasserflaschen, Tempotaschentücher… Und sonst? Dem gebildeten Auditorium stechen als erste Irritationen die dicken verschnürten Bücher-Pakete ins Auge, vollbepackt mit Wissen und Gelehrsamkeit. Ach, wer möchte nicht auf die Bühne stürzen, ihre Autoren und Titel erfahren, um sie von ihren Fesseln zu befreien, sie aufzubrechen, zu entjungfern und mit Göthes Wagner auszurufen: „Wie anders tragen uns die Geistesfreuden / Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!“ Auf der Bühne hingegen ist der Umgang mit dem Herz unserer Gutenberg-Galaxis ein anderer, respektloser: Man springt darüber, sitzt drauf rum, wirft sich das Ganze zu, baut daraus Türme und baut sie wieder ab. Lesen sieht man niemanden. Die Bücher sind ja schon verpackt. Stück zu Ende – ab zur Post und weg damit.

 

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Das Ensemble besteht aus sechs Akteuren. Sechs Stühle auf der Bühne. Sechs Studierende. Drei Studentinnen, drei Studenten. Das Besondere an Philipp: Man weiß zwar, dass er Medizin studiert, und er ist ständig in den Dialogen präsent, aber auf der Bühne zeichnet er sich durch permanente Abwesenheit aus.
Ein Plot im Sinne eines Handlungs- oder Erzählstrangs ist nur rudimentär auszumachen. Im schnellen Wechsel von nur wenigen Minuten folgen Szene auf Szene. Wo das Ganze spielt? Einmal ist vage der Raum einer Bibliothek auszumachen, ansonsten befinden wir uns überall und nirgends. Auch im blauen Dunst der Welt, denn Zigaretten lautet zweimal im Text die Ortsangabe. Und worum geht’s? Der Titel sagt uns, es gehe um Lieblingsmenschen. Nur was will uns diese merkwürdige Wortmontage sagen? Es könnte um Freunde gehen, also versuchen wir es mit folgender Überlegung: Freunde haben Freundschaftsbeziehungen, haben Lieblingsmenschen dann Lieblingsmenschenbeziehungen? Könnte man meinen, denn vordergründig geht es in dem Stück um Beziehungen, die die Akteure zueinander unterhalten. Jule geht mit Darius, nur hat sich diese Beziehung bald erledigt, weil Darius ihr mit seiner ewigen Prüfungsangst auf die Nerven geht. Sven landet kurzfristig bei Lili, bei ihr landet dann aber auch der frustrierte Darius. Und Anna hat eine feste Beziehung mit besagtem Philipp, die zum Schluss aber ebenfalls in die Brüche geht. Dieses Beziehungsnetz wird auf der Bühne ständig mit den verschiedensten Formen kommuniziert: mit Körpersprache, mit Gesten, mit Dialogen, mit SMS-Nachrichten. Es wird beschworen, hinterfragt, geknüpft und aufgelöst. Es wird in Szene gesetzt, es wird gespielt. Und das gilt für sämtliche Beziehungen, nicht nur für die zwischen Jungs und Mädels.

 

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Den Beziehungen haftet jedoch etwas Übertriebenes an. Wir schauen zum Beispiel auf die Begrüßung zwischen Anna und Jule gleich zu Beginn des Stückes: In einem Gequietsche und Gekreische, Küsschen hier, Küsschen da, wird das Aufgesetzte des ganzen Getues deutlich gemacht. Wir schauen auf die anschließende Szene zwischen Sven und Lili mit einem grotesken Monolog von Sven. Indianerfederschmuck weist Sven als gackernden Hahn aus, vor dem auf dem zwischenmenschlichen Hühnerhof kein Vogel sicher ist, der es nicht schnell genug auf den Baum geschafft hat. Sven geht es – welch Überraschung – gar nicht um eine Beziehung, sondern um schnellen und einmaligen SEX: „Also eine Affäre nur mit Sex, oder eine mit Sex und Kuscheln. […] Aber, falls du heiraten willst, ich muss doch erst mal mein Studium fertig kriegen.“ Und nach dem letzten Satz benötigt Sven auch noch den roten Kotzeimer (der auch in diesem Warnecke-Stück wieder dabei sein muss), um deutlich zu machen, was er von einer festen Beziehung hält. Oder schauen wir auf den in Zwischenszenen dialogisierten SMS-Verkehr. Die Textfragmente verselbständigen sich zu Posen und erstarren schließlich zu Standbildern. die dem Publikum grinsend ihre Grimassen zeigen (Grinsekatze Alice im Wunderland heißt es in der Regieanweisung).

 

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Und so langsam dämmert uns, dass sich hinter den Lieblingsmenschen „Freunde“ verbergen, denen die Freundschaft abhanden gekommen ist. Dass sich im affektierten Spiel der Freundschaft oder Liebe der Verlust von Beziehungsfähigkeit artikuliert. Wir verweilen bei dem Ausgang der soeben angesprochenen SMS-Szene. Zeitgleich mit der grimassierenden Standbildpose schaltet sich der Videomodus ein. Die von Kai Kämmerer sehr subtil eingerichteten Videosequenzen, denen im Rahmen der Inszenierung ein breiter Raum eingeräumt wird, haben es wirklich in sich. Schwarz-Weiß gehalten machen sie die andere, dunkle Seite des Bühnengeschehens deutlich. Wir sehen Bewegungen von Gesichtern, segmentiert in einzelne Partien. Der englische Maler Francis Bacon hat so etwas in seinen Portraitbildern auf die Leinwand gebracht, inspiriert durch Studien des Fotopioniers Eadweard Muybridge, The Human Figure in Motion. Dadurch erhielten die absurden Bilder Bacons ihre magische Authentizität und ihre verstörende, betörende Wirkung [148 Mill. Euro für so’n Bildchen – jüngst bei der Auktion erzielt – is‘ also schon okay]. Ähnlich sehen wir in den Videosequenzen verzerrte, in die Totale vergrößerte Mundhöhlen, die sich bedrohlich öffnen und schließen, Lippen, die sich verformen, Zungen, die auch etwas anderes als einen Lolli lecken könnten. Welche Funktionen auch immer diesen archaisch anmutenden Körperinstrumenten zuzukommen scheinen, sie halten dem gespielten Beziehungsgelaber auf der Bühne einen schweigenden Spiegel vor, der deren zweite abgründige Wirklichkeitsebene aufscheinen lässt.

 

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In dieses Gegeneinander von lichter Künstlichkeit und dunkler Authentizität passt wie die fist auf’s ey(e) Svens liebliche Zote „Arschficken ist besser als Kopfrechnen“. Es geht nicht um die bloße Provokation einer Geschmacklosigkeit, sondern die Diskreditierung geschlechtlicher Körperlichkeit in unsrer ach so leuchtend reinen Zieviehlisation. Daher auch die Allgegenwärtigkeit des Themas SEX in diesem Stück. In etwas witzigerem Gewande wird die thematisierte Konfrontation von „oben“ und „unten“ in der postkoitalen Szene zwischen Sven und Jule zum Ausdruck gebracht. Jeder erinnert sich an die für uns Männchen entscheidende Frage Svens „Bist du gekommen?“ und Jules Naja-Eingeständnis: Wunderschön sei es gewesen, aber normal sei es eben auch, dass bei uns Weibchen uswusw…. Dennoch verstehen wir Svens entsetzte Reaktion: „Ein Schauspiel, also ach, ein Schauspiel nur – wo fass ich dich, unendliche Natur!“

 

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Womit wir beim Einsatz von Musik, oder besser Lärm, wären. Und das ist jenseits der Textvorlage hausgemachtes Warneckeprodukt. Wir kennen das von GIRLSNIGHTOUT, dass die Musik nicht zur Untermalung dient. Sie erläutert das Geschehen auf der Bühne. Das Thema SEX etwa kommentiert uns das Neue Deutsche Welle – Trio – Gedudeldidudelda Anna, Anna, o Anna... Anna kennen wir. Wir kennen aber auch Sven. Und das „Lass mich rein lass mich raus“ können wir jetzt getrost als akustische Inszenierung des F…..-Ja – Heiraten-Nein interpretieren. Oder Jules Vortrag von Nina Simones Feelin Good. Kommentiert sie damit nicht ihre Emo-Situation nach Darius‘ besoffenem fickific-SMS Erguss? Auch die weiteren musikalischen-Einlagen sind in dieser Weise verlinkt. Mit Ertrinken von den Toten Hosen etwa wird die assoziative Brücke zu Svens gleichzeitigem Trinken geschlagen, wir kennen das von der Faserland-Aufführung im Schauspielhaus. Und die Interpretation der Blauen Augen setzt dem Ganzen die Krone auf. Zelebriert die lyrisch vorgetragene Version doch eine ironische Verbeugung vor der Macht, mit der die Kulturindustrie unser alltägliches Denken und Fühlen massakriert.

 

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Aber wieder zurück zur paradoxen Konstellation von blendender Vorderfront und ernüchterndem Hinterhof bzw. reinem Oben und unreinem Unten. Neben Musikalischem (Lärm) spielt auch Literarisches, Philosophisches gar, in das Stück hinein. Und das nicht nur durch das allbekannte Männlein im Walde („auf einem Bein mit purpurrotem Mäntelein“ - was also wieder in die Nähe des Themas SEX rücken würde). Anna studiert Philosophie und arbeitet an einer Diplomarbeit über den Philosophen Karl Rosenkranz: „Und auf jeden Fall hat er die Theorie, dass etwas, zum Beispiel Kunst, aber auch Leben, nur dann schön ist, wenn es wahr ist. Und wahr ist es aber nur dann, wenn man ihm die Gefahr der Vernichtung ansieht, verstehst du. Dadurch wird das Schöne und das Hässliche, die Vernichtung also, vereinigt zur Wahrheit. Und mein Ansatz liegt darin, dass die Welt, dass – aber das wird zu kompliziert.“ Das Gegenspiel von Schönem und Hässlichem zieht sich als Grundmotiv durch die gesamten Dialoge, und es ist in der Tat für eine junge Studentin recht schwer zu verstehen, wie Rosenkranz in seiner Ästhetik jeglicher dialektischen Heilserfahrung Hegelscher Provenienz eine Abfuhr erteilt. Und jeglicher geschichtlicher und politischer Erlösungspropaganda gleich mit, die noch in heutiger Zeit uns weismachen möchte, dass wir von Oben oder von Vorne irgendwelche Glückseligkeiten zu erwarten hätten. Damit könnte die Diplomarbeit von Anne zu einem programmatischen Manifest über das Thema werden, das gerade von Laura de Weck verhandelt wird, nämlich die Inkongruenz der Botschaften von Oben oder Vorne mit der abgründigen Wahrheit von hinten oder unten. Und so lauert auch mitten in unserer glänzenden Welt der schönen Handys und der globalen Geschwätzigkeit die hässliche Fratze der Verlassenheit. Jule kann sie in einer Schlüsselszene des Stücks zu Procol Harum’s Whiter Shade of Pale nur noch durch ein gequältes Heulen mitteilen. Und dann ist es auch für einen kurzen Moment ganz still im Auditorium, bis Jule, die Kippfigur, das Ganze mit den nüchternen Worten auflöst: „War’s gut?“

 

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Am Ausgang des Stückes trennt sich Anna von Philipp, dem unbekannten sechsten Mann. Und mit welcher Empfindlichkeit reagieren da sämtliche Akteure. Die Trennung kann nicht akzeptiert werden. Denn mit der einzigen heilen Beziehung ist ihnen das Alibi ihres beziehungslosen Nebeneinanders abhanden gekommen. Der wahrhaften Beziehungslosigkeit fehlt anscheinend zu ihrer Daseinsberechtigung die vernünftige Beziehung. Kein Teufel ohne Gott. Damit entschlüsselt sich auch die Funktion des unbekannten Sechsten, des Alibi-Freundes Philipp, auf den sämtliche Akteure fokussiert sind. Er ist der Sinngeber des Ganzen, der gute Kern des Menschen. Er hat als sinnstiftende Instanz zu funktionieren, auch wenn diese nur noch in unserer Einbildung existiert und verschwunden ist.
Lässt sich ein Fluchtpunkt ausmachen, auf den die im Stück thematisierte Beziehungslosigkeit noch zu reduzieren wäre, so ist es die sämtliche Akteure beherrschende und zu ihrer sinnlosen Geschwätzigkeit antreibende Langeweile. American Psycho, Bret Easton Ellis‘ Klassiker der postmodernen Prosa, hat diesem negativen Lebensgefühl in seinen messerstechenden und Frauen schlitzenden Serials erstmals ein Gesicht gegeben. Sie zeigen die andere Seite der Spaßgesellschaft. „Fun ist ein Stahlbad, Lachen in ihm wird zum Instrument des Betrugs“, so Adorno, Guru der Kritischen Theorie in den späten 60ern, damals noch mit Blick auf die amerikanische Gesellschaft. Heute ist die Fun-Factory und mit ihr das Gespenst existentieller Langeweile längst in Germany angekommen. David Foster Wallace, der alles überstrahlende Genius gegenwärtiger Literatur, hat sein letztes nachgelassenes Werk Der bleiche König diesem Thema gewidmet. Und genau auf dieses Gespenst ist auch LIEBLINGSMENSCHEN fokussiert. Schon Philipps Abwesenheit gründet sich auf die Langeweile, die er im hohlen, kommunikativen Kreis der „Lieblingsmenschen“ empfindet. Damit wird auch der Schlussakkord des Stückes gesetzt. Nicht zuletzt verkörpert Sven eine postmoderne Kassandra, wenn er am Ausgang des Stückes in einem Standbild mit erhobener Faust verharrt und verbittert resümiert: „Ihr langweilt mich alle zu Tode.“

 

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So langsam hat Meister Warnecke es allen Unkenrufen zum Trotz geschafft, professionelles Theater an unserer Schule zu institutionalisieren. Wir werden von Stücken unterhalten, die unsere Eleven in ihrer Lebenswirklichkeit abholen und dadurch zu Erstaunlichem befähigen. Amélie Briese (Jule) zeigt ihre Meisterleistung in ihrer überdrehten affektierten Lieblingsheuchelei und der Kunst, Gefühle aus dem „Bbbbauch“ kommen zu lassen (und diese schiefe Zungenspitze!). Kimberley Lengies (Lili) überzeugt uns mit ihrer trockenen Verballhornung von Hoffmann von Fallersleben. Tayfun Cakmak (Darius) erhielt für seine orientalische Tanzeinlage zu Ding berechtigten Szenenapplaus. Ebenso Miriam Müller (Anna) für ihr Tanz-Solo zu Michael Jackson. Und last not least setzt Milan Gremmel (Sven) mit seiner gestörten Herumschwänzelei (inklusive Narrenrassel) um Jule und seiner ebenfalls mit großem Beifall bedachten Inszenierung eines altenglischen Kampfliedes weitere Höhepunkte der Aufführung. Und Philipp? Philipp, Philipp, oh Philipp… Aber eins hat das Stück mit Sicherheit nicht geschafft: uns zu langweilen!


Text: Jochen Hengst

Fotos, Trailer: Kai Kämmerer

 

 

 

Premiere LIEBLINGSMENSCHEN: 22. November 2013, 19.30,

Aula der Goetheschule Hannover.

Weitere Aufführungen: 23., 24., 28., 29., 30.11.2013 (jeweils 19.30).

Karten 5,-/8,-

 

Trailer "Rock'n'roll Queen"

 

Trailer "Anna, o Anna"