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Girlsnightout - Politik oder Gardinenschleuderstangen?

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Statt einer herkömmlichen Theaterveranstaltung trägt das Ganze auf den ersten Blick den Charakter eines Events, einer Show. Das resultiert zum einen aus einer Bühnenkonstruktion, die überwiegend als Catwalk in den Zuschauerraum hineinragt und auf der sich die Akteure wie bei Modenschauen oder Rockkonzerten dem Publikum hautnah präsentieren. Die traditionelle Guckkastenbühne wird also zugunsten einer dezentralen Auffächerung der Spielorte aufgelöst, wodurch die Konzentration des Zuschauers gefordert wird, verschiedene Vorgänge parallel wahrzunehmen.

 

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Statt der üblichen Requisiten finden sich Utensilien. Besonders auffällig der kleine Stoffbär mit spitzem Hut, Brille, vorn auf einem Eimer positioniert. Zum anderen verzichtet das Stück auf Handlung, einen Plot oder eine Story. Was passiert? In einem ersten Teil Wie die Mädchen treffen sich vier Teenies, Hannah (Sarah Knop), Jule (Lisa Rocke), Lotta (Joana Da Silva) und Manu (Frederike Wiechmann) irgendwo zuhause, um sich für einen abendlichen Partygang zu präparieren, eine so genannte GIRLSNIGHTOUT. Sie machen da, was man so tut, wenn man sich auf den Ausritt vorbereitet, quatschen, was ihnen durch den Kopf geht, singen und tanzen schon einmal ein bisschen. Der weitaus längere zweite Abschnitt Wie die Frauen wiederholt das Ganze: Wiederum treffen sich die vier, wiederum irgendwo zuhause und wiederum wird gequatscht und gesungen. Allerdings sind die vier etwas in die Jahre kommen, die alten Teenie-Zeiten sind vorbei.

 

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Was dem Zuschauer geboten wird, ist ein äußerst unterhaltsames Stück mit tollen Gesangseinlagen und Improvisationen an der Loop-Station. Keine schwere Musik, eher leichte Kost: Joss Stone, Cunnie Williams, Mousse T, Shola Ama, Scouting for Girls, sogar die Spice Girls und Lenas Satellite dürfen nicht fehlen (ach ja, Lena, warum konnte sie nicht an der Goetheschule…). Gerade die mit viel Szenenapplaus bedachten musikalischen Teile zeigen, wie sehr die vier Darstellerinnen in ihren Rollen aufzugehen scheinen. Was nicht nur die Musik betrifft: In den Reden und Gedanken der Girlies oder Femmes Fatales geht es vorwiegend um das Wichtigste in unserem Leben, um Sex, die Beschäftigung mit dem eigenen Körper, die Entwicklung des eigenen Geschlechts und dessen Wirkung auf das andere. Ach wie genießen es die Mädchen, „Sehnsuchtsobjekte“ zu sein und dieses auch dem Publikum zu demonstrieren. Wie genießen sie es, sich in die Rolle der doofen Jungs zu versetzen, sich Eselsmasken aufzusetzen und den imaginären Bräuten hinterherzugaffen.

 

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Das klingt alles sehr nach Oberfläche. Worin besteht der Gewinn für das Publikum? Nur Show, Spaß, Action, Musik und Tanz? Keine Lehre, keine Moral? Es geht in der Tat um Oberfläche, denn Oberfläche ist das Thema des Stückes, Oberfläche der Körper, der Dinge und vor allem der Sprache. Manu bringt dieses Thema mit aller Doppeldeutigkeit auf den Punkt, wenn sie in einem Gedankensplitter die anfängliche Vorstellung des menschlichen Weltbildes in die Gegenwart zurückruft und fragt: „Wenn die Welt flach wie ein Scheibe ist, wie können wir dann tief sein?“

 

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Mit dieser Frage öffnet sich eine destruktive Dimension des Stückes, auf die Warneckes Inszenierung, und hierin beruht ihr besonderer Wert, einen Schwerpunkt setzt. Erzeugt der erste Teil beim Zuschauer noch eine mehr oder weniger freudige Erwartungshaltung auf die anstehende Party, so wird diese Erwartung im zweiten Teil gebrochen. Anders, nicht mehr ganz so frisch erscheinen (Wie) die Frauen jetzt auf der Bühne. Wenn der Unterschied zur Mädchenversion äußerlich auch erst auf den zweiten Blick bemerkbar ist – sie müssen sich jetzt stylen, tragen statt Turnschuhen Pumps –, sind sie abgründiger geworden. Aus den „Sehnsuchtsobjekten“ sind Sehnsuchtssubjekte geworden, die der Selbstbestätigung durch Sex bedürfen.

 

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Die Frauen sind hinter der glücklichen Fassade, die sie immer noch vorzeigen, frustriert und enttäuscht. Rivalität und Neid beherrschen die Szene: Wer hat die meisten Liebhaber gehabt, die besten Nummern geschoben. Die kommende Party wird für Manu gar zu einer „Entscheidungsschlacht“ für ihren künftigen Liebeslebensweg. Ach ja, die Liebe: Ganz still wird es im Auditorium, wenn Lotta und Jule sich ihre Liebe gestehen. Im wahrsten Sinn des Wortes einsamer Höhepunkt, auf den diese ganze Schmierenkomödie aus Scheinglückseligkeit hinzustürzt, ist jedoch Hannahs lauter Verzweiflungsschrei ins Publikum: „Ich bin traurig und allein.“ Das kurze Erstarren von Manu, Jule und Lotta zeigt, dass bei ihnen nur ein Lüftchen der Botschaft ankommt, die eine ihnen allen abhanden gekommene Seele betrifft.
Die Frage nach der Schuld oder dem Grunde erübrigt sich in einer Welt, die nur als Oberfläche, als flache platte Scheibe wahrgenommen wird. Ohne Tiefe befindet sich auf dieser Welt alles unterscheidungslos nebeneinandergeordnet. Absolute Parataxis. Ohne jegliche Bedeutung. „Zur Not kann man sich mit Politik beschäftigen“, sagt Manu. „Ich bin jetzt allerdings sehr froh, dass es mir heute endlich gelungen ist, Gardinenschleuderstangen einzukaufen.“ Politik? Gardinenschleuderstangen? So what? Alles ist gleich geworden in dieser Flachwelt. Dysfunktionale Kommunikation würden wir das in der Schule nennen. Jeder redet nur sich selbst. Das ist die eine Seite. Die andere: Inhalte Fehlanzeige. Eine Phrase jagt das nächste Klischee. Sehr schön zu sehen bei Jule und Hannah in dem Gefasel über ihre Trennung: „Wir haben dann zwei Jahre über unsere Trennung geredet. / Wir haben dann wieder versucht etwas entstehen zu lassen. / Ich war mir meiner Gefühle nicht mehr sicher. / Ich habe jeden Tag über die Liebe nachgedacht…“

 

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Letztendlich wollen die Frauen im zweiten Teil des Stückes nur eins: Weg, Verschwinden. Und zwar aus sich selbst. Lotta: „Ich würde mich gern von mir entfernen.“ Aber wie soll das funktionieren, wenn man das nur einer Handpuppe sagen kann? Und wie soll man sich finden, wenn man – wie Jule – in einem Brecheimer nach seinem verlorenen Spiegelbild sucht?
Manu gelingt es schon recht gut, ihren Verlust zu benennen, wenn sie sich nach einer Mitte sehnt. Denn diese Mitte steht in dem Stück für die ausgeklammerte Party, das Leben, das Draußen, die grenzenlos gelebte Freiheit, wenn man so will. Von allen herbeigeredet und doch nie erreicht. Manu benennt auch recht genau, woran es liegt, dass sie ihr Ziel grundsätzlich verfehlen muss: Wenn sie von ihrem Kleid spricht, in dem sie fest steckt und aus dem sie nicht mehr herauskommt. Da nutzt es auch nichts, dass ständig die Klamotten gewechselt werden. Müßig zu ergänzen, dass es sich um einen gescheiterten Versuch handelt, der eigenen Haut zu entfliehen. Und mit der abgründigen Ausweglosigkeit, die in dieser Wiederkehr des Gleichen aufscheint, leuchtet mit Samuel Becketts Endspiel das große klassische Modell postmoderner Dramatik auf, welches in den 50er Jahren erstmals die existentielle Inhaftierung des Menschen in sich selbst aufgezeigt hat. Danckwart arbeitet genau wie Beckett mit den Mitteln des Grotesken, Absurden und Komischen, benötigt aber nicht mehr die sichtbaren Zeichen der Verkrüppelung. Danckwarts Mädchen und Frauen sind einzig im Netz ihrer Flachwelt-Sprache festgefahren, von deren Klischees und Phrasen infiziert. Wenn Manu jedoch irgendwann einmal feststellt: „Aber einen Sinn muss das Ganze doch haben“ oder „Ich würde gerne einen Grund haben morgens aufzustehen“, wenn Jule klagt: „Wenn wir schon alles gesagt haben, was können wir dann noch tun?“, so könnten diese existentiellen Statements unmittelbar Figuren des Endspiels entnommen sein.

 

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Versöhnlicher, demütigender und sarkastischer kann das Stück nicht enden, wenn Jule den realen Fluchtpunkt ihrer anvisierten Party benennt: „Jetzt sind wir ein Glück für jeden langweiligen Herrenabend.“ Die Party findet also doch noch statt - endgültig festgefahren in der Frauenversion einer (fix und) fertigen Erwachsenen-Welt: GIRLS – NIGHTOUT. Danckwarts Stück wendet sich – wie übrigens auch das von unseren QP34 Eleven goutierte Faserland Christian Krachts – gegen eine verlorene Generation der 90er Jahre. Man kann das Ganze also durchaus als groteske Dekonstruktion eines Lebensstils (Generation Golf 4, 5, 6…) lesen. Inwiefern uns das alles also noch betrifft, muss jeder für sich selbst entscheiden. Zu würdigen bleibt hingegen, wie sehr es Holger Warnecke mehr noch als bei seinen früheren Inszenierungen gelungen ist, ein Stück auf die Bühne zu zaubern, das uns nicht nur bei unseren verschrobenen allzumenschlichen Wünschen, Sehnsüchten und Begierden abholt, sondern vor allem bei der Beziehungs- und Sprachlosigkeit, die sich hinter unserer Kommunikations- und Konversationsgeilheit auftut. Und das geht weit über den vordergründigen Anspruch des Stückes hinaus, Aspekte der jugendlichen Identitätsfindung zu thematisieren. Zu würdigen bleibt auch, mit welcher Professionalität es Frederike, Joana, Lisa und Sarah gelungen ist, sich aus diesen alltäglichen merkwürdigen Existenzen herauszuspielen und den in dem Stück angelegten Tanz mit dem Text zu wagen. Auf einen zweiten Blick erkennen wir also, dass es sich bei dem Ganzen doch nicht nur um eine Show oder ein Event handelt, sondern um GROSSES SCHULTHEATER.

Text: Jochen Hengst

Fotos: Kai Kämmerer

 

Weitere Fotos der Inszenierung (Fotograf: Alexander Kostowetzky).

 

Der Fernsehsender H1 hat einen Bericht über die Inszenierung gesendet.

 

Hier hören Sie ein Interview, das der Sender Deutschlandradio Kultur anlässlich der Inszenierung an der Goetheschule am 17.1.2013 mit Holger Warnecke geführt hat.

 

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