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MIRANDOLINA bekommt den KulturKometen-Preis

Wenn das kein tolles Finale ist: Nach acht Aufführungen der rasanten Komödie MIRANDOLINA innerhalb und außerhalb der Goetheschule bekam das Team um Regisseur Holger Warnecke am 30. Juni 2015 für diese Inszenierung den renommierten Preis KULTURKOMETEN der TUI Stiftung und der Kulturregion Hannover verliehen. Die Laudatio kam aus berufenem Munde von Janny Fuchs vom Staatstheater Niedersachsen, und die Urkunde überreichte Regionspräsident Hauke Jagau. Unter den Zuschauern waren so illustre Namen wie Lothar Schlieckau (langjähriger Fraktionschef der Grünen in Hannover) oder auch Lars Ole Walburg (Intendant und Regisseur am Schauspiel Hannover). Joana da Silva und Lisa Rocke, beide ehemalige Schülerinnen der Goetheschule, moderierten ebenso charmant wie elegant durch den spannenden Abend.
„Theater mit professionellem Anspruch, von den Schülern auf einem hohen künstlerischen Niveau eindrucksvoll umgesetzt“, lobte die Jury das Projekt.
Nach zwei Auftritten im Ballhof beim Festival Jugend spielt für Jugend im Frühjahr und Sommer hat das Ensemble damit zum dritten Mal in diesem Theater gespielt und dafür gesorgt, dass die Preisverleihung für das Publikum bunt und mitreißend wurde.

 

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Das Mirandolina-Team mit der Urkunde "Preisträger KulturKometen 2015" im Ballhof

 

Der Preis KULTURKOMETEN wird von der TUI Stiftung und der Kulturregion Hannover alle zwei Jahre vergeben und hat das Ziel, „herausragende Kulturprojekte“ an Schulen zu fördern, die „auf inspirierende Art und Weise kulturelle Bildung an junge Menschen vermitteln“. Eine achtköpfige Fachjury hat unter den 26 Bewerbern drei ausgewählt. Sie teilen sich das Preisgeld von 10.000 Euro, das im Fall der Goetheschule in die nächste Theaterproduktion der Theater-AG fließen wird.
Eine schöne Anerkennung für die mittlerweile neunjährige Theaterarbeit von Holger Warnecke, dem es ein Anliegen ist, innovatives Gegenwartstheater an der Goetheschule zu etablieren, und natürlich eine große Auszeichnung für die Schule selbst.

 

Begründung der Jury für die Wahl der MIRANDOLINA Inszenierung
Eine Theater-AG wagt sich an die hohe Kunst der Commedia dell‘arte. Mit der Neuinszenierung von „La Locandiera“ von Carlo Goldoni von 1752 gelingt den Schülern um Regisseur Holger Warnecke eine überzeugende Darbietung ihres schauspielerischen wie musikalischen Talents. Die Geschichte um die begehrte Wirtin Mirandolina und ihre Verehrer zeichnet sich durch eine sehr körperliche Spielweise, selbst komponierte Live-Musik, poppige Videos sowie handgemachte Kostüme und grell geschminkte Masken aus. Rund 220 Probenstunden investierten die Darsteller – zusätzlich zu Unterricht und Abiturvorbereitung. Für die 10 musikalischen Einlagen lernten alle Spieler unter der Leitung des Musikers Julius Martinek neue Instrumente und eigenwillige Spieltechniken.

„Theater mit professionellem Anspruch, von den Schülern auf einem hohen künstlerischen Niveau eindrucksvoll umgesetzt“, lobt die Jury das Projekt.
Positiv gewertet wurde die Zusammenarbeit mit Studierenden und Absolventen des Studiengangs Darstellendes Spiel der Leibniz Universität Hannover, der Hochschule für Mode und Design, professionellen Lichtdesignern und des Studienseminars Hannover zur Ausbildung von Gymnasiallehrern, die den Schülern ermöglichte, sich kreativ weiterzuentwickeln. So konnte eindrucksvolles und innovatives Gegenwarts–Theater am Gymnasium Goetheschule entstehen.

 

Laudatio von Janny Fuchs zur Inszenierung MIRANDOLINA
anlässlich der Preisverleihung KulturKometen 2015

Die Theaterform Commedia dell'Arte entstand im 16. Jahrhundert in Italien und beeinflusste maßgeblich die europäische Theaterlandschaft. Übersetzen lässt sich „Commedia dell'Arte“ mit Berufsschauspielkunst. Etabliert und perfektioniert wurde sie von dem Teil des fahrenden Volkes, das sich als Berufsschauspieler verstand. Da sie, im Gegensatz zu ihren Kollegen in „Vollzeit“ tätig waren. Zu den wesentlichsten Merkmalen der „Commedia dell'Arte“ zählen die Artistik, die Verwendung archetypischer Figuren und erstmals in der Geschichte des Theaters erlaubte diese Theaterform auch Frauen auf der Bühne zu spielen.

Holger Warnecke hat sich mit seiner Produktion für ein Werk des bekanntesten Autoren der Comedia dell'Arte entschieden: Carlo Goldonis: „Mirandolina“. Ein theatrales Schwergewicht, das sich insbesondere in der sommerlichen Theatersaison großer Beliebtheit erfreut. Doch was die 6 Schülerinnen und Schüler der Goetheschule auf die Bühne bringen und auf die Beine stellen, davon können sich so einige professionelle Theater eine Scheibe abschneiden.

Eine selbst- und ihren Reizen bewusste Wirtin Mirandolina weiß sich gegen das hündische Werben der Männerwelt zur Wehr zu setzen. Darüber hinaus ist ihr der Frauenhass eines Cavaliere ein Dorn im Auge. Sie legt dem zwiespältigen Herrn so lange den zarten Finger auf die Wunde, bis er ebenfalls in das Gewand des dümmlich Verliebten schlüpft und sich in die Testosteron-Schlange vor Mirandolina einreiht. Dort befindet er sich in guter Gesellschaft. Ein bettelarmer Marchese giert clownesk und mit artistischer Körperlichkeit nach der Wirtin und ihrem Vermögen. Ein liebestoller Graf verschwendet Unsummen, um die Wirtin Stück für Stück zu erwerben. Selbst vor ihrem Diener Fabrizio ist die Schöne nicht sicher.

Mit unglaublicher Spielfreude, großem Selbstbewusstsein und einem fulminanten Gespür für Komik gehen diese Spielerinnen und Spieler nach vorn. Sie richten ihre Rede oft direkt ins Publikum und nicht selten möchte man seinen Stuhl nehmen, um sich mitten in das bunte Treiben zu setzen.
Obwohl die Figuren sehr viel von ihren Darstellerinnen und Darstellern fordern: was die Körperlichkeit, die Direktheit und der Mut zu Archetypen betrifft: hier ist von Unsicherheit keine Spur. Mit einer unglaublichen Lust an der Behauptung stürzen sie sich mit ungebrochener Energie in die Szenen, ins Komische wie ins Sadistische, in die schiefen und geraden Töne. Viva la Comedia! Viva l'amore!

Beide Wünsche gehen mit dieser Inszenierung in Erfüllung. Nicht nur, weil der Diener zum Schluss die Gunst der Wirtin erlangt. Vielmehr werden hier Prämissen für eine gleichberechtigte Beziehung formuliert, die man getrost an jede Hauswand sprühen könnte. Viva la Comedia! Davon sollte man sich am besten einfach selbst überzeugen lassen. Ebenso von den Kostümen, die im absoluten Stilmix Epochen zitieren, von der eigens komponierten Musik, die die szenischen Vorgänge perfekt stützt, abrundet und dabei eine eigene, gewaltige Sprache entwickelt.

Ermöglicht wurde diese hervorragende Arbeit auch durch ihre Kooperationspartner. Unter anderem die Hochschule für Musik und Design, den Fachbereich Darstellendes Spiel der Universität Hannover und dem Studiengang Szenografie.

Ob diese Inszenierung mit den eingearbeiteten Pop-Arts als modern zu bezeichnen ist? Sicherlich. Viele der modernen Elemente sind ja Comedia dell'Arte mit zeitgemäßen Mitteln. Näher liegt mir für diese Theaterabend jedoch die Bezeichnung: konsequent. Eine Bezeichnung, die gerade im modernen Theater durchaus positiv konnotiert ist. Aus dieser Konsequenz ergibt sich eine Arbeit, die genauso charmant und unbeirrbar ist, wie ihre Spielerinnen und Spieler, die wiederrum mit großer Bravour wohl eine der schwersten Disziplinen des Schauspielfachs meistern.
Viva la Comedia! Viva l'amore!

Herzlichen Glückwunsch!

Janny Fuchs ist Dramaturgin am Schauspielhaus Hannover