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Shakespeares Romeo und Julia – begeisternde Aktualisierung eines Klassikers

Kaum eine Liebesgeschichte ist wohl bekannter als jene von Romeo und Julia. Die tragische Geschichte von der kompromisslosen Liebe zweier junger Menschen berührt seit Jahrhunderten die Herzen von Generationen. Zweifellos liegt dies in der bleibenden Aktualität des Stoffes begründet. Daher kann es kaum verwundern, dass man sowohl im Theater als auch im Kino der beständigen Aktualität in Form von modernisierten Inszenierungen beizukommen sucht. So begegnen sowohl dem versierten Theaterzuschauer als auch dem Kinofilmliebhaber zahlreiche Romeos und Julias in modernen Kostümen vor gegenwartsnaher Kulisse. Auch die Inszenierung des heutigen Abends zeigt sich modern, jedoch nicht in jener schon fast traditionellen Weise.

 

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Von einer cineastisch wirkenden Atmosphäre begrüßt, fanden sich am frühen Abend des 08.07.2015 zahlreiche Zuschauer in der Aula der Goetheschule ein. Neben der filmmusikalischen Untermalung sorgte der im Vorfeld veröffentlichte, vielversprechende Trailer für die Einstimmung des Publikums auf die Dramatik der bevorstehenden Aufführung. So begegneten dem Zuschauer zunächst in edel anmutenden, schweren Stoffen kostümierte Schauspieler, die das italienische Verona des Mittelalters sichtbar werden ließen.

 

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Ebenso anschaulich wurde zugleich die tiefsitzende Feindschaft zwischen der Familie Capulet und der Familie Montague, die sich in einer ersten eindrucksvollen Degenszene zwischen den Anhängern beider Familien entlud. In ebenso klassischer Weise zeigte sich – der am Konflikt zunächst recht unbeteiligte – schwärmerische Romeo, herausragend gespielt von Lukas Kähler, der sich als der überbehütete Sohn einer herrlich überbesorgten Mutter (gespielt von Lara Grabert) und einem äußerst dominanten Vater (gespielt von Fatih Güler) entpuppte.

 

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Dagegen erfuhr die Figur des besonnenen Benvolios durch die ironische Darstellung von Till Nachtwey eine gelungene und sehr unterhaltsame Aktualisierung. Ebenso aktuell wirkte auch die Darstellung der Julia durch Anna Deutschmann, die es verstand, die Rolle modern zu übersetzen, indem sie aus dieser in überzeugender Weise eine durchsetzungsfähige, selbstbestimmte junge Frau werden ließ, die auch den Konflikt mit ihrer herrlich hysterischen Mutter (sensationell: Thirza Klug) nicht scheute, was sicherlich zur verstärkten Identifikation der jüngeren Zuschauerinnen mit der Figur der Julia beitrug. Einen gleichsam emanzipatorischen Anstrich erfuhr die Figur des Fürsten, der zur Fürstin (gespielt von Lea Michelle Heck) wurde, die die Hierarchie in Verona immer wieder zu verdeutlichen wusste. Neben ihrer schauspielerischen Leistung begeisterte Anna Deutschmann mit ihrem Song „One Penny“ die Zuschauer, den sie gemeinsam mit Yasmin Cao eigens für die Aufführung komponiert hatte. Diese sorgte mit ihrer wunderbar komischen Darstellung der Amme und ihrem authentischen Spiel für die wahrscheinlich meisten Lacher des Abends.

 

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Aber auch Milan Gremmel in der Rolle des exzentrischen, divengleichen Mercutios, David Schaefer als überaus eitler Paris und Robin Abresch als schrulliger Bruder Lorenzo hielten die Erinnerung an Shakespeares derben Humor in gelungener Weise wach und begeisterten durch ihr bühnenfüllendes Spiel. Für die nötige dramatische Zuspitzung des Konflikts erwies sich dagegen Niclas Gellert mit der überzeugenden Darstellung des ungehaltenen, aggressiven Tybalt als zuständig, der kaum von dem – sehr authentisch wirkenden – altväterlichen Capulet (gespielt von Christos Tsirtsakis) im Zaum zu halten war. Erwähnenswert ist aber ebenso das Spiel von Carmen Schmidt, die an diesem Abend in zahlreiche verschiedene Rollen immer wieder überzeugend zu schlüpfen wusste, und natürlich die Unterstützung durch die Souffleuse Emine Bahar Bora.

 

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Die Regisseurin Ilka Springmann bewies auch an diesem Abend wieder ein Händchen für atmosphärische Inszenierung. Tatkräftig unterstützt durch das Technikteam, bestehend aus Yannik Helferich und Arne Reckhaus, wurde die Szenerie durch die passende musikalische, text- und bildliche Auswahl unterstützt. Highlights waren hier sicherlich die gewohnt großartigen Auftritte von Clemens Liese, der die im Hintergrund spielenden Szenen mit seinem Gesang musikalisch verdeutlichte. Nicht zuletzt gewann das entsprechend in englischer Sprache aufgeführte Stück durch die gesamte musikalische Umrahmung an zunehmender Verständlichkeit. Oft drängte sich dabei die Erinnerung an Filmszenen auf, sodass man als Zuschauer den Eindruck gewinnen konnte, sowohl im Kino als auch im Theater zu sein. Romeo und Julia – oft inszeniert und häufig verfilmt. Umso schwieriger erscheint es, das Stück erfolgreich zu inszenieren. Doch auch in diesem Jahr schaffte es die English Drama Group, mit Augenmaß zu modernisieren ohne zu verfälschen, sodass Shakespeares großartig-tragische Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen den Jugendlichen näher gebracht und manchen Erwachsenen die schonungslose Kompromisslosigkeit der ersten Liebe wieder in Erinnerung gerufen wurde.

 

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Text: Florentina Schneider

Fotos: Michael Gellrich